Den Chiemsee verdanken wir in Existenz und Gestalt einem Gletscher der letzten großen Eiszeit, der von den nördlichen Alpen hervorgebracht wurde.

Luftaufnahme eines arktischen Gletschers  |  Bild: NOAA

Rund 100.000 Jahre lang hatten sich in der "Würmeiszeit" alle Niederschläge in den Bergen zu permanenten Eismassen gesammelt, welche die Täler oft kilometerhoch füllten und sich gegen Ende des Dauerfrostes als Eisströme in Bewegung setzten, stetig knackend, krachend, rumorend und donnernd abwärts glitten. Der gewaltige Eisfluss des so benannten "Chiemseegletschers ", fand seinen nördlichen Gebirgsausgang zwischen den Bergflanken des Hochgern im Osten und der westlich gelegenen Hochplatte. Felsen und Geröll aus dem Gebirge mit sich führend, grub sich die ausfließende Eismasse tief in die obersten Schichten des Vorlandes, drückte und schob deren erdige und kiesige Gesteinskrusten gewaltsam vor sich her. Von Süd nach Nord in weitem Halbkreis sich ausbreitend umgab sich so die große Gletscherzunge ringsum mit aufgefalteten Erdwällen, welche die heutigen Moränenhügel weit um den See herum bilden.

Zwischen Bergflanken austretende Gletscherzunge

Als das Eis nach der langen Kaltzeit vor rund 15.000 bis 10.000 Jahren abschmolz, hinterließ dieser Gletscher ein großes Becken, welches sich mit Schmelzwasser füllte und sich aus den nachfließenden Wassern der Bergregion speist - bis heute. Nur einige den Alpen vorgelagert verankerte Felshügel, die selbst die Schubgewalt der Gletschermasse nicht hatte bewegen können, ragten aus dem See hervor und bildeten etliche Landungen und Inseln im noch jungen Chiemsee. Heute sind sie Hügel im Umfeld des Sees, der sich seit damals auf ein Drittel seiner ursprünglichen Größe verringert hat. Drei Inseln sind geblieben.

Ausdehnung der Vergletscherung der Nordalpen vor rund 20 Tausend Jahren  |  Bild: Geologische Bundesanstalt Österreich (Ausschnitt)

Jahrtausendelang lag die Wasserfläche des Urchiemsees, mal spiegelglatt, mal windgekräuselt oder sturmbewegt. Vom Wasser begünstigt siedelte in zunehmend milderem Klima Leben und entwickelte sich rasch und vielfältig. Bald rauschten Schilf und Wälder um den großen See und die Berge versorgten weiterhin alles großzügig mit ihren immer fließenden Wassern. Viele Pflanzen- und Tierarten erprobten sich hier, während die neue Warmzeit vor rund 4000 Jahren ihren ersten Höhepunkt erreichte.

Gletscherschmelze: Seen entstehen und Leben siedelt sich an  |  Bild: NOAA

Vor allem im Zenit der Warmphasen zwischen den Eiszeiten, aber auch während kalten Perioden trafen in der Gegend des heutigen Chiemgau Herden von Mammuts, Wisente, Wollnashörner, Rentiere, Wildpferde und Riesenhirsche, Bären und Wölfe, ja, sogar Löwen, Tiger und Antilopen, aufeinander, die sich unter Schirmakazien und Zimtbäumen an Trinkstellen versammelten.

In ungezählten Lebenszyklen nutzte die Evolution auch in den letzten 10.000 Jahren im und am Urchiemsee das Wasser, seine Ufer und das von ihm erzeugte Mikroklima, um zu experimentieren. Wo der See im Laufe dieser Zeit verlandete, hinterließ er neue Lebensverhältnisse für dort sich ansiedelnde Arten, in Form von Flachwasserbuchten, Flachmooren (Moosen), Bruchwäldern und Hochmooren (Filzen). Auch das Mündungsdelta der Tiroler Achen, heute das größte Binnendelta Europas, bot und bietet bis heute (dank intensiven Schutzes) einen einmalig vielschichtigen Lebensraum.

Als sich der Mensch hier einstellte, fand er beste Jagd- und Fischereibedingungen vor. Aus eiszeitlicher Neandertaler- und Jungsteinzeitkultur entwickelte sich die Kupferzeitkultur (populärer Protagonist: der "Ötzi"), dann die frühe Bronzezeitkultur. Sie mündete schließlich in der Zivilisation der Kelten, die in größeren Stammesgemeinschaften siedelten und Kultplätze, Dörfer und (andernorts, unweit von hier) auch Stadtgemeinschaften bildeten.

Pfahlbauten (Seeufersiedlungen)  |  Ölgemälde von R. A. Bachelin, 1867 (Ausschnitt)

Als Seeanwohner verfügten die Kelten über Einbäume, Flöße oder einfache Boote und sie bauten, wo zum Überleben sinnvoll, Häuser auf Pfählen über dem Uferwasser. Der Fischreichtum band sie an den See, den sie wohl als Nahrungsspender verehrt haben mögen. Ob diese vermutete Gottheit mit dem von den Römern hier in Weihsteinen verewigten "Bedaius" gleichzusetzen ist, kann nur vermutet werden, da die Kelten keine Schrift kannten und hierzu nichts überlieferten. Aus antiken, vor allem römischen, Quellen, wissen wir dennoch einiges über diesen aus Mitteleuropa stammenden und über weite Teile Europas sich ausbreitenden Volksstamm.